Dissident?
Von der Truppe „Reporter ohne Grenzen“ ist eine Broschüre erschienen, die sich mit den Möglichkeiten befasst, anonym content ins Netz zu stellen. Hochtrabend wird da von einem Handbuch für Cyber-Dissidenten (immerhin hatten sie’s kleiner als Cyberterroristen) gesprochen. Grundsätzlich nette Sache, wenngleich Tools wie Tor & Co eigentlich bekannt sein sollten.
Hier also der Link zur Downloadseite
Problematisch wird’s allerdings, wenn da eine Kombination aus wordpress-Blog und Tor angepriesen wird.
Mal abgesehen davon, dass sich mit Tor schon in den hiesigen Breiten mit Highspeed-DSL nur auf ISDN-Niveau surfen lässt, fragt man sich, wie das in Staaten mit heftigerer Verfolgung und mieserer Netzanbindung (Iran, Nordkorea etc.) funktionieren soll.
WordPress zu nutzen ist dann spätestens aber völlig illusorisch, da bei jedem zweiten Post-Versuch ohnehin die Antwort der Server zu lange dauert und man in einen Timeout nach dem anderen läuft. Außerdem ist wirkliche Anonymität ohnehin eine fixe Idee.
Man kann es Stasi 2.0 nur so schwer wie möglich machen.
Das veranlasst mich aber alles zu der Frage, was eigentlich so ein Dissident ist und was der den ganzen lieben langen Tag so macht. Und dann natürlich, ob ICH vielleicht sogar einer bin.
„Dissident“ heißt von der Wortbedeutung zunächst mal „anders denkend, widersprechend“.
Nun, das trifft auf mich, wie vermutlich auf ein paar Milliönchen anderer Menschen sicher zu. Interessanter und schmackhafter klingen da schon eher die folgenden Schlagworte: „regierungskritische Intellektuelle, oppositionelle Künstler“ – Hört sich ja ganz geil an und steigert sicher die Chancen bei den Frauen, wenn man sich so bezeichnet.
Rebellen-Image als Schwanzersatz.
Von Internet-Dissidenten im speziellen spricht aber vor allem die o.g. Organisation der grenzenlosen Reporter und laut wikipedia behauptet diese Orga, dass weltweit 70 oder so dieser Cyberdissidenten in Haft säßen.
Da dürfte das dann also wie bei Amnesty-International und anderen aussehen, dass ausschließlich der ein Dissident ist und als politisch Verfolgter anerkannt wird, der denen in den Kram passt.
Holocaustleugner und andere Nazis gehören dann halt schon mal, Repression hin oder her, nicht dazu.
Die Frage ist nun, ab wann man sich wirklich als Dissident FÜHLEN darf.
Vermutlich spätestens, wenn man staatlichen Diensten, wie Verfassungsschutz, Mossad oder BND aufgefallen ist und die einen beseitigen, hehe.
OK, muß aber doch auch noch ein paar Stufen vorher geben, sonst wäre es recht leer in Deutschland.
Man gerät doch sicher schon mal ins Fadenkreuz, wenn man auf einem Blog wie diesem nacheinander Bin Laden, Hitler und Rote Armee Fraktion schreibt, oder?
Gut, das wäre dann also schon mal geschafft.
Nur ist das wirklich gerechtfertigt? Bin ich damit im EIGENTLICHEN Sinn, also für einen objektiven Beobachter ein Dissident?
Bin ich es, weil ich der Meinung bin, dass Ahmadschinedad ein cooler Anarchopunk der internationalen Politik ist, da der so manche Konferenz mal so richtig rockt? Bin ich einer, weil ich es in diesem Zusammenhang nur gerecht finde, dass mehr als eine Handvoll Nationen in der Lage sein sollte, unseren Planeten vollständig nuklear zu vernichten und vielleicht sogar darauf HOFFE, dass dies durch eine weitere Verbreitung dieser Spielzeuge wahrscheinlicher wird?
Macht es mich zum Dissidenten, weil ich es ablehne „Sankt Holokauscht“ zu feiern und dem Bundespräsi Köhler widerspreche, wenn der meint, dass der Holocaust integraler Bestandteil unserer, dh. der deutschen Identität sei? Oder erst dann, wenn ich den öffentlichen Gedenkfeiern dazu fern bleibe, auch wenn das der Zentralrat der Juden jüngst auch getan hat?
Wird vielleicht erst ein Schuh draus, wenn der Holocaust durchaus von Interesse für mich ist, jedoch eher von einem misanthropischen Standpunkt?
Bin ich ein Dissident, weil ich mal abwechselnd NPD, mal Linkspartei wählen würde oder gerade eben NICHT, weil beide Parteien von Verfassungsschutzleuten und deren V-Männern wimmeln und ich damit staatstragender agiere, als so mancher FDP-Anhänger?
Könnte man mich evtl. unter gewissen Umständen als Dissidenten bezichtigen, weil ich der Ansicht bin, dass die BRDkratur die schlechtmöglichste Art und Weise eines Systems darstellt und ich mir wünsche, dass der Laden endlich zusammenkracht?
Werde ich vielleicht aber erst zum Dissidenten, wenn ich „aktiv, kämpferisch“ zur weiteren Steigerung des kulturellen Verfalls und der Dekadenz aufrufe, damit wir „das richtige Leben im falschen“ noch so lange hedonistisch genießen können, bis der Ast, an dem wir dabei alle sägen, endgültig durch ist?
Nicht zuletzt könnte meine mehr als klammheimliche Freude über den deutschen Herbst oder den 11.September mich zum Dissidenten stempeln, oder?
Der Hauptprotagonist in George Orwells Roman 1984, Winston Smith, hatte da recht früh im Buch die Erkenntnis:
„Gedankendelikt hat nicht den Tod zur Folge, Gedankendelikt ist der Tod!“
So ist also bereits alles weitere vorher bestimmt. Der Sprengguertel ist angelegt und die Uhr macht tic…tac…tic…tac….
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